Reiseberichte von Hermann und Hans-Hubertus Braune

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Berlin und drumrum

Berlin und seine Umgebung bieten mancherlei Stellen, die nicht so touristenbekannt sind, die aber durchaus interessante – manchmal nachdenkliche – Geschichten erzählen. Wir treffen uns in dem Berliner Stadtteil Spandau. „Spandow“ wurde im 6. Jahrhundert durch slawische Stämme gegründet. Der heute rd. 224.000 Einwohner zählende, bis dahin selbständige Stadtteil gehört seit 1920 zur Nachbarstadt Berlin.

 

 

Im 12. Jhdt. entstand rund um die St. Nikolai-Kirche eine Kaufmannssiedlung, denn hier kreuzten sich wichtige Heer- und Handelsstraßen und nahebei gab es einen günstigen Havel-Übergang. Außerdem wurde ein Kloster gegründet. Klosterfundamente sind noch unter dem „Altstadt-Cafe“ zu sehen. Kernpunkt ist die heutige Altstadt. St. Nikolai beherbergt etliche wertvolle Stücke, u.a. eine zeitgenössische Nikolaus-Skulptur von 2006, die Triumph-Kreuzgruppe von etwa 1490/1540, den Altar von 1582. Im Jahr 1539 führte hier Kurfürst Joachim II. die Reformation in Brandenburg ein.

 
   
 
 

 

 
 
Das „Gotische Haus“, ältestes Haus von Spandau, ist Museum. Es zeigt attraktive Wechselausstellungen wie z.B. in tausenden Zinnfiguren das frühere Leben der Stadt.

 
 
 
 
Die berühmt-berüchtigte Zitadelle von Spandau bietet lebendige Ereignisse, so u.a. mittelalterliche Märkte, bei dem „ganz normales“ Volk sich in entsprechende Utensilien hüllt und mit Spaß dabei ist.  
 
 
 
   
 
 
 
   
 
   
 
 
 
Von Spandau aus erreichen wir per Bahn und Bus (über die Stationen Dallgow-Döberitz oder Elstal) recht schnell das Olympische Dorf von 1936. D.h. das, was davon übrig ist bzw. was wieder aufersteht. An der Bushaltestelle „Eulenspiegelsiedlung“ im Ortsteil Elstal ist der heutige Zugang. Erst seit wenigen Jahren wieder öffentlich zugänglich, erfahren wir tiefe Einblicke in die neuere deutsche Geschichte – sportlich und international geprägt. Das ehem. Sportlerdorf diente als Heereslazarett und nach 1945 der Sowjetarmee. Vieles zerfiel nach deren Abzug um 1990 herum. Schließlich nahm sich eine Stiftung des Areals an, sie konserviert, restauriert die vorhandenen Reste und bemüht sich um neue sportliche bzw. gesellschaftliche Nutzungen. Erkennen muss man, welche Bescheidenheit einstmals auch den Sport ausmachte.

Beispielhaft zu sehen an der rekonstruierten Inneneinrichtung des legendären US-Sportlers Jesse Owens.

Besichtigungen und Führungen möglich, leider noch keine Gastronomie.
 
 
   
 
   
 
   
 
   
 
 
 
Jesse Owens Zimmer.  
 
 
 
 
 
Von Spandau erreicht man per Regionalexpress zügig den Ort Teltow, südlich von Berlin oder per S-Bahn die Station Teltow-Stadt. Kein Freudenhaus, aber ein von außen freudiges Haus sehen wir nahe des S-Bahnhofs.  
 


 
 
   
 
   
   
In Teltow besteigen wir den Bus in Richtung Potsdam bis zur Haltestelle Stahnsdorf-Bahnhofstraße. Wir sehen das Wanderzeichen „Fontaneweg“, wir erkennen die Gesichter von Fontane und von Heinrich Zille. Beide liegen auf dem riesigen Südwestfriedhof, zu dem das Zeichen führt, begraben. Auf 250 ha Fläche legte die einst rasend schnell wachsende Stadt Berlin einen Friedhof an, weil in der Innenstadt jeglicher Patz fehlte. Viele bedeutende Personen liegen hier, teils mit sehr aufwändigen Grabdenkmälern. Eine spezielle „Friedhofsbahn“ wurde eingerichtet, um die Trauergäste und Leichen nach draußen zu transportieren. In der NS-Zeit verlegte man 15.000 Tote hierher, um Platz für die Stadt „Germania“ zu schaffen. Infolge Zonengrenzziehung / Sperrgebiet war der Friedhof jahrzehntelang nicht zugänglich, er überwucherte und verwuchs. Die Friedhofsbahn wurde demontiert, einzelne Gleisreste findet man noch im Gebüsch. Seit der polit. Wende 1989/90 bemüht man sich, das Areal wieder freizulegen. Schon bietet sich wieder die Gelegenheit, in die Geschichte abzutauchen, angesichts im Geranke auftauchender Grabsteine und entsprechender Hinweistafeln. Und die Friedhofsbahn hat Chancen zum Wiederaufbau, als Verbindung von Wannsee nach Teltow.  
   
 
     
   
     
"Kommet her zumir alle"  
     
   
     
   
     
Reste der Friedhofsbahn.  
     
Wer mit der S-Bahn ab Teltow-Stadt zurückfährt, sollte an der Station „Priesterweg“ aussteigen und den Park Schöneberg-Südgelände aufsuchen. Das riesige Areal eines einstigen Güterbahnhofs liegt seit etwa 1951 ungenutzt. Die Natur bemächtigte sich der Anlagen und auch Künstler mit ihren Arbeiten sind aktiv. Das Gelände ist zum Besuch erschlossen.  
     
   
     
   
     
   
     
Der Kalkstein-Tagebau Rüdersdorf.  
     
Ganz im Osten von Berlin liegen unsere nächsten Ausflugsziele. Beide erreicht man mit der S-Bahn Linie 3 Richtung Erkner. Am Bahnhof Friedrichshagen wartet die nostalgische Überlandstraßenbahn Linie 88 in Richtung Rüdersdorf. An der Haltestelle „Heinitzstraße“ steigen wir aus und gehen zum Eingang des „Museumspark Baustoffindustrie Rüdersdorf“. Hier bieten sich auf einem 17 ha großen Gelände entlang eines gewaltigen Kalkstein-Tagebaues einmalige Zeugen von Industriegeschichte und Architektur. Vom Kalkbrennofen aus der Zeit um 1660 über solche Anlagen aus 1804, einer Ofenbatterie von 1871, fast kriminal-gruselig, besonders mit Blick auf die zerschlagenen „modernen“ Fabrikanlagen der DDR gegenüber, so führt ein Rundweg durch die Geschichte. Kanäle, Tunnel, das „Haus der Steine“ und etliche sonstige technische und soziale Objekte gehören ferner dazu. Und: zahlreiche Angebote finden sich im Veranstaltungsplan. Ganz im Hintergrund erkennt man die hochmodernen Fabrikanlagen der heutigen Zementwerke. Abgebaut wird noch immer Kalkstein.  
     
   
     
   
     
Eine Station weiter, am S-Bahnhof Rahnsdorf, steht die andere nostalgische Straßenbahn, Linie 87. Sie fährt nach Woltersdorf/Schleuse. Die schon seit 1555 betriebene Schleuse für Sport- und Kleinschiffe ist ein typisches romantisches Ausflugsziel mit ihrer Fußgängerhochbrücke und Straßenschwenkbrücke sowie Restaurationen nahe dabei. Woltersdorf als Hollywood? Ja, in den Anfängen der Filmgeschichte war Woltersdorf ein Mittelpunkt. Tausende Menschen schufen hier legendäre Filmwerke wie „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“ ohne je indischen Boden zu betreten. Riesige Kulissen wurden errichtet und exotisch ausschauende Menschen antransportiert. Bergwerks- und Alpenfilme entstanden im Steinbruch der Kalkgrube, viele Trickaufnahmen drehte man ab. Um 1928 ging das filmische Treiben zu Ende. Ohne äußere Spuren zu hinterlassen. Einzelne Relikte sowie zahlreiche Dokumentationen findet man jedoch in dem Aussichtsturm auf dem Kranichberg, zu Fuß ab der „Liebesquelle“ in 30-40 Min. bergauf erreichbar. (Öffnungszeiten beachten!)  
     
   
     
   
     


 
     
   
     
   
     
   
     
Zum Schluss unserer Berlin-Tour verlassen wir die S-Bahn S3 in Köpenick und fahren oder gehen in die Altstadt. Am 16.10.1906 beschlagnahmte der Schuhmacher Wilhelm Vogt die Stadtkasse, verkleidet als Hauptmann. Dieser Streich ging in die Geschichte ein, indem Carl Zuckmayer im Jahr 1931 den „Hauptmann von Köpenick“ zur literarischen Figur werden ließ. Im Rathaus sieht man noch heute die originale (leere) Stadtkasse und allerlei Dokumentationen zur damaligen Zeit. Und der Hauptmann ist noch immer präsent…  
     
   
     
   
     
Ebenso präsent sind Münchhausen und viele ehemalige Filmgrößen im Restaurant Nolle unter den S-Bahn-Bögen am Bahnhof Friedrichstraße (Georgenstraße).  
     
   
     
Text u. Fotos: Hermann Braune Zu allen besuchten Stationen gibt es ausführliche Infos im Internet. (Text und Fotos sind urheberrechtlich geschüzt!)
 
 
Demnächst pilgern wir von Berlin aus nach Bad Wilsnack, entlang der Alten Poststraße Berlin-Hamburg, die auch durch Spandau ging.